Logo per la stampa
Gehe zum Portal der Autonomen Region Trentino-Südtirol Gehe zum Portal der Autonomen Provinz Bozen/Südtirol Gehe zum Portal der Autonomen Provinz Trient      


» Schriftgröße Schriftgröße: vordefiniert Schriftgröße: mittel Schriftgröße: sehr groß

Login
Trentino    Südtirol    Kontakt  

info Genossenschaft

 
Skip Navigation LinksHome » Geschichte
Die Geschichte des Genossenschaftwesen

Das Genossenschaftswesen in Italien im 19. Jahrhundert zwischen Krise und Entwicklung

Die italienische Halbinsel hatte ihre politische Einheit noch nicht erreicht, als im Jahre 1844, mitten in der industriellen Revolution, eine Gruppe von Webern, in der kleinen englischen Stadt Rochdale beschloss, die erste Genossenschaftsverkaufsstelle zu gründen, um "die wirtschaftliche Lage ihrer Mitglieder zu verbessern".
So entstand die erste Genossenschaft und es begann eine Pionierzeit, die von den ersten ermutigenden Erfolgen angespornt, das Genossenschaftsmodell als Organisationsform in ganz Europa bekannt machte.
Auch Italien blieb von diesen schnellen Veränderungen nicht unberührt und in Piemont, wo die neuen Ideen der Associations fraternelles von Louis Blanc auf nahrhaften Boden gefallen waren, und das junge "Statuto Albertino" Hoffnungen auf eine Öffnung der auf kollektiver Selbsthilfe basierenden Organisationsformen erweckt hatte, wurden unsere ersten Genossenschaften ins Leben gerufen. 1854 kam es zur Gründung der Società degli Operai und zwei Jahre später war die Associazione artistico-vetraia (Kunstglasbläservereinigung) in Altare an der Reihe.
Ab jener Zeit war die Entwicklung unaufhaltsam, so dass Ende 1862 im Königreich Italien immerhin 443 Genossenschaften ihre Tätigkeit aufgenommen hatten.
Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts war von einer enthusiastischen Entwicklung gekennzeichnet, die es ermöglichte, die ersten Konsumgenossenschaften (mit Francesco Viganò in Como und Luigi Luzzatti in Mailand), die erste Genossenschaftsbank in Lodi und vor allem den ersten Kongress der italienischen Genossenschaften (1886 in Mailand), welcher die Entstehung des ersten Verbands der italienischen Genossenschaften (später Lega Nazionale delle Cooperative genannt) bestätigte, zu verwirklichen.
Es ist zu beachten, dass das manchmal pionierhafte Wachstum der Genossenschafts- idee nicht selten den wechselnden politisch-wirtschaftlichen Ereignissen unseres Staates folgte und auch auf geografischer Ebene jene schwerwiegende soziale und wirtschaftliche Zweiteilung aufwies, die zwischen dem Norden des Landes und dem Mezzogiorno auftrat und nie überwunden wurde. Das wirtschaftliche Ungleichgewicht, das sich gegen Ende des Jahrhunderts durch die immer intensiver werdende Industrialisierung im Norden zuspitzte, wurde durch einige, 1890 veröffentlichte Daten bestätigt: In Norditalien befanden sich 87% der gesamten Genossenschaften des Landes, in Mittelitalien 14% und im Süden und auf den Inseln knapp 5,3%.
Im Süden konnte sich die Bewegung mit den Kämpfen und Streiks der "Fasci siciliani" einer demokratischen, links gerichteten Arbeiterbewegung schmücken, auch wenn sie wenig Erfolg zeitigte.
Ein ganz anderes Los kam der katholischen Genossenschaftsbewegung zu, die, nachdem das Non expedit von Pius IX. de facto überwunden war, versuchte, im sozialen Bereich Boden zurückzugewinnen, da man aufgrund des immer stärkeren Zuspruchs den die sozialistische Bewegung verzeichnete, vielleicht eher besorgt, als von der Enzyklika Rerum novarum von Pabst Leo XIII. ermutigt war.
Bis zu dem Zeitpunkt hatte sich die soziale und institutionelle Tätigkeit der Katholiken hauptsächlich über die Opera dei Congressi (Auftragswerk) und die Comitati Cattolici d'Italia (1874 in Venedig gegründet) abgewickelt. Die Unzulänglichkeit dieser Tätigkeit wurde Anfang der achtziger Jahre deutlich und um Abhilfe zu schaffen gründete man 1889 in Padua die Unione Cattolica per gli Studi Sociali (Katholischer Verband sozialer Studien). Diesem wurde die Aufgabe übertragen, "Überlegungen zu entwickeln, die den aus dem beginnenden Wandel der Gesellschaft und der italienischen Wirtschaft oder zumindest einigen Gebieten und Regionen des Landes entspringenden neuen Herausforderungen gewachsen waren". Die Entwicklung katholischer Gewerkschaftsorganisationen wurde als einer der möglichen Wege betrachtet. In diesem Sinne bestätigte die Enzyklika von Papst Leo XII., die zum System Fouriers ermutigte und die Bildung nur aus Arbeitern bestehender Gesellschaften legitimierte, den Vorschlag der Unione Cattolica.


Genossenschaften im Aufwind zur Zeit Giolittis

Die Maßnahmen der Regierung Crispi und seiner unmittelbaren Nachfolger führten Italien in eine tiefe Wirtschaftskrise die, nachdem sie zu blutig unterdrückten Auseinandersetzungen auf den Plätzen geführt hatte, den Auftritt von Giovanni Giolitti vorbereitete. Die von einer günstigen internationalen Konjunktur, der Neuordnung des Bankwesens, der Anregung zu großen öffentlichen Arbeiten und der vom liberalen Führungsstand aufgezwungenen neuen Industriepolitik unterstützte italienische Wirtschaft wies Zeichen einer ermutigenden Dynamik auf.
Im Jahr 1901 entstand die Federazione Italiana delle Società di Mutuo Soccorso (Italienischer Genossenschaftsverband) und der Triplice Alleanza del lavoro genannte allgemeine Arbeiterverband, ein aus den höchsten Vertretern der Genossenschafts- und Gewerkschaftsbewegung bestehender Ausschuss; und zwischen 1904 und 1910 wurden zwölf Gesetzesmaßnahmen erlassen, die auf die mehr oder weniger unmittelbare Förderung des Genossenschaftswesens ausgerichtet waren.
Als Beweis für die Wichtigkeit der Genossenschaftsbewegung wurde der Italienische Bund der Genossenschaften in den Obersten Nationalen Rat für Arbeit, Fürsorge und Auswanderung, in den Genossenschaftszentralausschuss und im Ausland in den Internationalen Genossenschaftsbund aufgenommen.
Die Ergebnisse ließen nicht lange auf sich warten und die Zahl der Genossenschaften stieg von 3.800 im Jahre 1902 bis auf 5.065 im Jahre 1910.


Das Genossenschaftswesen während der Kriege und seine Wiederbelebung in der unmittelbaren Nachkriegszeit

Der Erste Weltkrieg führte aufgrund der allgemeinen Teuerung und der Stockung der Konsumgüter auch im Genossenschaftsbereich unweigerlich zu negativen Rückschlägen.
Bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs zählte man in Italien 7.429 Genossenschaften mit einer Million 800 Tausend Mitgliedern (davon gehörten 2.408 zum Konsumbereich, 3.022 zum Produktions- und Arbeitssektor, 1.143 zum Landwirtschaftsbereich und 105 zum Versicherungswesen). Kurz nach dem Sieg an der Alpenfront, zwischen 1919 und 1920, erlebte unser Land einen regelrechten Genossenschaftsboom, der teils von der starken Arbeitslosigkeit, teils von dem zügellosen Preisanstieg angeregt wurde. 1921 gab es bereits 25.000 Genossenschaften mit über zwei Millionen Mitgliedern.


Genossenschaftswesen und Faschismus

Zwischen 1919 und 1924, in einer Zeit großer Wirren und Mühen einer enttäuschten und erschöpften Nation, die von Gewalt und Vergeltungen zerrissen war, schlug der Faschismus die Genossenschaften hart, um das Vorrücken der sozialistischen und katholischen Kräfte aufzuhalten.
Erst im Jahr 1923 begann die erste Regierung Mussolini mit einem Normalisierungsprozess, der eine Wiederaufnahme der genossenschaftlichen Probleme seitens der nationalen faschistischen Partei in Gang setzte. Von 1925 bis 1927 löste das Regime den Genossenschaftsbund auf und führte eine radikale Neuorganisation der Genossenschaftssektoren durch: man gründete die Ente Nazionale Fascista per la Cooperazione mit Sitz in Rom und die Genossenschaften wurden in die Korporativordnung eingegliedert.
In den Tagen nach dem 8. September 1943 versuchte der Faschismus mittels des Manifesto di Verona auf die Genossenschaften Druck auszuüben. Das Schicksal Italiens stand jedoch vor einem Wandel und die antifaschistischen Kräfte, die sich anschickten den letzten Akt eines blutigen Bürgerkriegs zu gewinnen, legten den Grundstock für eine Neuordnung freier und demokratischer Genossenschaften, denen die bedeutende Rolle und die Verantwortung für ein demokratisches Italien übertragen wurde.


Die Nachkriegszeit: die Genossenschaftsbewegung vom kalten Krieg bis zum italienischen Wirtschaftswunder

Einige deutliche Zeichen spürte man schon beim Eintreffen der Alliierten auf italienischem Boden: anlässlich der Hundertjahrfeier der Pionierhelden von Rochdale im November 1944 in Rom erlebt man Feierlichkeiten, von denen alle Zeitungen eingehend berichten; am 15. Mai 1945 gründet eine Gruppe katholischer Genossenschafter erneut die Confederazione Cooperativa Italiana (Italienischer Genossenschaftsverband); einige Monate später entsteht erneut die Lega Nazionale delle Cooperative e Mutue.
Und so gelangte man zu dem sogenannten Basevi-Gesetz, das am 14. September verabschiedet wurde, welches "Maßnahmen für die Genossenschaften" enthält, die sowohl die solidarischen und demokratischen Prinzipien bestätigt, auf denen die Genossenschaften basieren sollten, wie auch die Klauseln, welche die Berücksichtigung der von der Verfassung bekräftigten Vorraussetzung der gegenseitigen Unterstützung bezeugen sollten.
Der kalte Krieg und die nachfolgende Teilung der Welt in zwei entgegengesetzte Blöcke dämpften fast augenblicklich die Illusionen einer sozialen Neuerung. Mit der Regierung führte De Gasperi das noch zerrissene und von den Unruhen auf den Plätzen erschütterte Land zu einem normalen und demokratischen, auf dem Recht auf Arbeit und Wohlstand basierenden Leben.
Es waren auch für die Genossenschaftsbewegung keine leichten Jahre, da sie sich oft im Zentrum von Diskriminierungen seitens der Regierung befand und Opfer regelrechter Verpönung war. Der Versuch, einen Weg zur Zurückeroberung zu finden, führte über das Postulat der Genossenschaften (16. Dezember 1953), das Folgendes forderte:
- Rückerstattung des unrechtmäßig erworbenen Gutes
- Einstellung der kommissarischen Geschäftsführung
- Definitive Satzung der Genossenschaften
- Wirtschaftlicher und steuerlicher Ausgleich
- Abschaffung der Zuckererzeugungsauflage
- Vollständige Anwendung des einheitlichen Textes bezüglich des sozialen Wohnungsbaus.


Die Krisen der fünfziger Jahre und die Überlegungen hinsichtlich der wirtschaftlichen Thematiken schlossen endgültig die historische Phase der Genossenschaftsbewegung ab und förderten die Durchsetzung der großen nationalen Konsortien.
1962 entstand in Bologna der Consorzio Nazionale Dettaglianti (Conad - Gesamtstaatliches Einzelhandelskonsortium), um gemeinsam die Beschaffung und den Kauf von Lebensmitteln, Getränken und Konsumgütern zu organisieren; ebenfalls in Bologna wurde ein Jahr später UNIPOL gegründet.


Die Genossenschaftsentwicklung während der wirtschaftlichen Unsicherheiten der siebziger Jahre

Zu Beginn der siebziger Jahre wurde das sogenannte Basevi-Gesetz überarbeitet; daher wurden 1971 mit dem Gesetz Nr. 127 einige Maßnahmen für eine moderne Führung der Genossenschaften festgelegt und bedeutende Steuererleichterungen eingeführt. Im gleichen Jahr gründete man auch, dank der Arbeit einer katholisch eingestellten Gruppe, die Unione Nazionale Cooperative Italiane (U.N.C.I - Gesamtstaatlicher Italienischer Genossenschaftsbund.).
Zwar gab es schon in den ersten siebziger Jahren Zeichen einer Wiederbelebung der Genossenschaftsbewegung, jedoch mit den Wahlen im Jahre 1975, die eine Wende nach links und insbesondere in Richtung der kommunistischen Partei Italiens verzeichnete, gewann die Rolle der Genossenschaftsbewegung als ursprüngliche Unternehmensform, als "dritter Weg" der wirtschaftlichen Entwicklung des Landes und als Alternative sowohl zum Privatkapitalismus als auch zum System der öffentlichen Betriebe an Bedeutung.
Das Interesse, welches die Genossenschaftsbewegung in einer rückläufigen Konjunktur mit der Wiederbelebungspolitik weckte, begünstigte die außerordentliche Entwicklung der Bewegung zwischen den Jahren 1977 und 1979.


Von dem Wandel der achtziger Jahre bis zum Ende der neunziger Jahre

Neue Herausforderungen standen in den ersten achtziger Jahren bevor, da das von bedeutenden Umbrüchen modifizierte Produktionssystem der Genossenschaftsbewegung das Problem aufwarf, wie man sich auf dem Markt bestätigen sollte, ohne die eigenen Werte der Solidarität zu verlieren.
Das Jahr 1984 zeichnet den langsamen Aufschwung des Genossenschaftswesens nach der schweren Krise, die sogar den Rücktritt des Präsidenten des Verbandes der Genossenschaften zur Folge hatte. In jenem Jahr nahm der dritte Landeskongress die Herausforderung der großen Probleme unseres Landes wieder auf: die Beschäftigung im Süden Italiens, die Landwirtschaft und die Kleinunternehmen.
Um solchen Herausforderungen entgegen zu treten, war dringend ein gewaltiges Kapital vonnöten, und die Genossenschaftsbewegung entschied sich einerseits für den Zutritt zum Kapitalmarkt (obwohl es ein aus Personen mit gemeinwirtschaftlicher Zielsetzung bestehendes Unternehmen ist), andererseits für eine Erhöhung der Selbstfinanzierung. In den gleichen Jahren sah das sogenannte Marcora-Gesetz Nr. 49 vom 27. Februar 1985 die Einrichtung eines Sonderfonds zugunsten der von Arbeitern, die auf Lohnausgleichskasse gesetzt waren, gebildeten Genossenschaften vor, der zum Erwerb des in Schwierigkeiten geratenen Betriebs, wo sie gearbeitet hatten, genutzt werden konnte, oder zur Bildung einer neuen Gesellschaft (abgesehen vom landwirtschaftlichen Bereich). Im Kielwasser dieser Förderungen beschleunigte die Bewegung die wirtschaftliche Entwicklung, auch dank einiger Initiativen wie die Gründung der von Fincooper und der Società Finanziaria Meridionale (SoFiMer) in Zusammenarbeit mit Isveimer und der Banco di Napoli kontollierten FINEC (Finanziaria Nazionale dell'Economia Cooperativa - Gesamtstaatliche Finanzgesellschaft der Genossenschaftswirtschaft).
Während die Genossenschaftsbewegung auch im Bauwesen Fuß fasste und dieserart ein beeindruckendes Wachstum aufwies, so dass die Gesellschaft gezwungen war, über die Charakteristiken des Genossenschaftswesen nachzudenken, führte das Gesetz Nr. 59 vom 31. Dezember 1992 wichtige Neuheiten bezüglich der Bedingungen der Genossenschaftsfinanzierung ein. Man schuf eine neue Kategorie unterstützender Mitglieder, deren Geldmittel im Bereich der Fonds zur technologischen Entwicklung und zur Umstrukturierung, sowie zum betrieblichen Ausbau genutzt werden können.
Heute besteht die Herausforderung in einer Wiederbelebung der Bewegung innerhalb der Gesellschaft, die über das Erkennen der sozialen Natur der Genossenschaften und eine Aufwertung der Rolle der Mitglieder führt. Die Genossenschaft bietet sich in unseren Tagen als eine Produktionstätigkeit, die direkt von denen, die dort arbeiten geleitet wird und, wie schon bei ihrer Entstehung, für alle sozialen Stände das Recht geltend macht, Unternehmenserfahrung zu sammeln und Erträge, Beschäftigung und Solidarität zu erbringen.


Genossenschaftswesen im Wandel - Welche Zukunft

Die Entstehung des Genossenschaftswesens in der Region Trentino-Südtirol war nicht nur der Aufstand des Kleinbauern oder des ausgebeuteten Arbeiters gegen die Habsucht der Wucherer oder die Anmaßung des Arbeitgebers. Die Kooperation war und ist immer noch effizient und hat das Ziel mit unternehmerischen Methoden auf die Bedürfnisse der Menschen einzugehen.
Trotz der verbreiteten Armut während der ersten Anfänge der industriellen Revolution und der schweren Landwirtschaftskrise, die noch mehr Menschen heimsuchte, gelang es der Genossenschaftsbewegung seit ihrem Entstehen, höheren Bedürfnissen als den materiellen eine Antwort zu geben. Sie strebte danach, ein fortschrittliches System der Erneuerung und der Verbesserung zu sein (don Lorenzo Guetti vergleicht die Modernität der Genossenschaft mit der des Telegraphen und der elektrischen Energie und Emanuele Lanzerotti spricht von einem "neuen Weg" zur Überwindung des Konfliktes zwischen Verbraucher und Erzeuger).
Die Genossenschaft wurde also von ihren Gründervätern als globale Antwort auf die Bedürfnisse des Menschen betrachtet.

Die Bedürfnishierarchie nach Maslow

Außer den Grundbedürfnissen für den Lebensunterhalt und die soziale Sicherheit finden wir nämlich, wenn wir die bekannte Bedürfnishierarchie nach Maslow aufzeigen, die Bedürfnisse gesellschaftlichen Zusammenlebens, Achtung und Selbstverwirklichung.
Die ersten Kreditgenossenschaften oder Casse Rurali (Raiffeisenkassen) kamen nicht nur der materiellen Notwendigkeit des Lebensunterhalts entgegen, was Essen und Trinken oder die Sicherheit eines möglichen Kredits betrifft, sondern auch höheren, nicht materiellen Bedürfnissen.
Das sich Zusammenschließen mit Regeln, Rechten und Pflichten förderte das gesellschaftliche Zusammenleben der Menschen ungemein. Die ersten Genossenschaften waren regelrechte Brutstätten, um Vertrauen und Achtung vor sich selbst und anderen (der Gemeinschaft) wiederzufinden und den Sinn der Existenz in einer sich äußerst rapide wandelnden Welt wieder herzustellen. Die Kooperation war daher Katalysator von Ressourcen, die Gefahr liefen, zu zerbrechen und unwiederbringlich verloren zu gehen.
Sie war somit eine der wirkungsvollsten Reaktionen, um den großen Umbruch, der die Welt und die Produktions- und Handelsbeziehungen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erschütterte, zu beherrschen.
Sie war ein hervorragendes Instrument der Demokratie und des sozialen Lebens, um die Bindung des Menschen an sein Land, unter den Leuten und zu ihrer Umwelt wiederzufinden; ein Gegenmittel zur Entwurzelung, welche die von der industriellen Revolution verursachte Auswanderungswelle auch in die ruhigen Bauerndörfer gebracht und Familien und die Gemeinschaft zerrissen hatte.

Die Kenntnis der Genossenschaftsidee

In diesem Sinne muss die Kenntnis der Genossenschaftsidee als historisches Gut verstanden, aufgewertet und aktualisiert werden.
Das Genossenschaftswesen ist nicht als "dritter Weg" zwischen Kapitalismus und Etatismus (der nie bestand) betrachtet werden, sondern als fortschrittliche Antwort wirtschaftlicher Demokratie, nachhaltiger, gebietsgebundener Entwicklung, die auf Werten und der Würde des Menschen basiert, auch innerhalb einer Marktwirtschaft. Eine Wirtschaft, die sich nicht auf den unmittelbaren Gewinn, auf die Profitmaximierung weniger und auf Kosten vieler beschränkt, sondern auf die zukünftigen Generationen blickt und die Erträge in unteilbare Reservefonds zurücklegt, die von Generation zu Generation weitergegeben werden.
Gerade weil die Genossenschaften Unternehmen mit einer Bilanz sind, die zumindest ausgeglichen abschließen muss, stehen sie in jeder Hinsicht auf dem Markt, jedoch mit verschiedenen Kompetenzen und anderen Logiken.
Das Genossenschaftswesen kann noch immer ein wirksames Instrument sein, um den Wandel zu beeinflussen. Wenn wir in einer Übersichtstabelle die wirtschaftlichen und sozialen Veränderungen des letzten Jahrhunderts mit der heutigen Situation vergleichen, bemerken wir, dass sich der Kontext tief gewandelt hat, die höheren Bedürfnisse des gesellschaftlichen Zusammenlebens, der Achtung und der Sinne (davon ausgehend, dass die des Unterhalts und der Sicherheit bereits befriedigt wurden) aber noch stark vorhanden sind.

Antwort auf die Zersplitterung

Vor allem der Übergang von der Industriegesellschaft zur Kommunikationsgesellschaft, wo die Organisation des Wissens und der nicht nur professionellen sondern auch sozialen Kenntnisentwicklung entscheidend wird, wirft die Notwendigkeit auf, die soziale Zersplitterung und den wirtschaftlichen Ausschluss zu bekämpfen.
In der Ära der "virtuellen Vernetzung" wird die Wahrung der territorialen "Personenvernetzung" ausschlaggebend sein, welche das enorme Potential der Information & Communication Technology nutzen können. Diese wenn auch kleinen Systeme sind in sich fester und kooperativer und haben nicht nur Zahlen, sondern auch Werte mitzuteilen.
Die Tatsache, dass die Beachtung und Sensibilität hinsichtlich einer menschlicheren und gerechteren Entwicklung in der Welt wächst und die Forderung nach Ethik auch bei Geschäftsvorgängen (heute besteht eine Norm zur ethischen Zertifikation der Betriebe, die SA 8000) zunimmt, zeigt, dass genossenschaftliche Prinzipien und Methodologien noch lange nicht veraltet sind, sondern sogar von großen Kapitalunternehmen übernommen werden.

Die Entstehung der Genossenschaften in Trentino - Südtirol

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erschütterte eine tiefe Krise die landwirtschaftlichen Gebiete der Region. Zu jener Zeit bestand die Wirtschaft vorwiegend aus Landwirtschaft und beschäftigte die überwiegende Mehrheit der arbeitsfähigen Bevölkerung. Auch zahlreiche industrielle Tätigkeiten, wie die Seidenraupenzucht, waren an die Landwirtschaft gebunden, welche die Grundlage der gesamten Wirtschaft bildete.
Der Weg von einer auf Eigenbedarf basierenden Landwirtschaft niedriger Produktionsfähigkeit zu einer offeneren Marktwirtschaft musste begangen werden, wo die landwirtschaftliche Tätigkeit auf eine höhere Produktionskapazität ausgerichtet sein musste. Der Bauer, der bisher nur soviel erzeugte, wie er für den Eigenbedarf benötigte, musste lernen, auch für den Verkauf zu produzieren.
Dieser Übergang von dem Feudalsystem zum modernen industriell-kapitalistischen Marktsystem war die Ursache des Zerreißens des sozialen und wirtschaftlichen Gefüges des Bauernstandes.
Seit alten Zeiten verfügten die ländlichen Gemeinschaften der Bergdörfer über weite Land- Wald- und Weidegebiete, die normalerweise im Gebirge lagen und gemeinschaftlich genutzt werden konnten. Die Nutzung dieser Besitztümer war allen "Nachbarn" möglich, d.h. den Bewohnern des Dorfes, jedoch von den sogenannten "Regole" und präzisen Bestimmungen reglementiert, an die sich jeder zu halten hatte.
Der bescheidene Ertrag der familiären Landwirtschaftstätigkeit wurde daher durch die Möglichkeit der Nutzung der Gemeinschaftswälder und -weiden integriert.
Um jedes einzelne Individuum bestanden Bindungen und Mechanismen sozialer Solidarität, die sicherlich keinen Reichtum brachten, jedoch wenn auch unter harten Opfern ein Überleben garantierten.
Der Zerfall der Feudalwelt, der im Vergleich zu anderen europäischen Gebieten in der Region ziemlich spät erfolgte, traf die Landbevölkerung völlig unvorbereitet und der neuen Situation gegenüber wehrlos.
Die Öffnung der ländlichen Gemeinschaft in Richtung Marktwirtschaft, wo man für den Verkauf und nicht nur für den Eigenbedarf erzeugen, und wo man von den Industrien der Stadt stammende Manufakturwaren (Kleidung, Schuhe usw.) erwerben musste, statt diese selbst zu weben oder herzustellen, erschütterte das wirtschaftliche und soziale Leben der Dörfer.
Die Rückständigkeit des Landwirtschaftsystems, die buntgewürfelte Art des Anbaus ohne Spezialisierung und Rationalisierung, die Zersplitterung der Landbesitze im Trentino und das System des Erbhofs im deutschen Gebiet erlaubten nicht, dem Land das Lebensnotwendigste für alle abzugewinnen. Außerdem zwang die Ermangelung der Verpflichtungen sozialer Solidarität Einzelne und Familien dazu, den Weg der Auswanderung einzuschlagen, um eine Arbeit und Einkommensquelle zu finden.
Zusätzlich wurde die Landwirtschaft auch noch von Naturkatastrophen betroffen.
Zwei verheerende Überschwemmungen, eine im Jahr 1882 und eine andere wenige Jahre später, 1885, brachen über Dörfer, Häuser und Land herein. Das Wasser durchbrach Dämme, verursachte Erdrutsche, erodierte Ländereien, zerstörte Bebauungen und forderte auch viele Menschenleben.
Zur gleichen Zeit verbreiteten sich auf den Feldern durch den Import amerikanischer Pflanzen bis dahin unbekannte Krankheiten. Peronospora, Reblaus, Mehltau, Milbe, Apfelwickler usw. zerstörten die gesamte Produktion von Kartoffeln, Trauben, Obst und anderer Früchte.
Die Bauern wussten nicht, wie sie sich demgegenüber zu verhalten hatten und verweigerten oft aus Misstrauen die neuen chemischen Behandlungen und die nötigen Neuerungen. Auch das Vieh wurde von der Maul- und Klauenseuche befallen, eine äußerst ansteckende Krankheit, welche die Tiere lähmt.
Auch die Seidenraupenzucht, eine der wichtigsten Einkommensquellen der Bauernfamilien, war betroffen.
Durch den Verlust von Lombardei-Venetien seitens der Habsburger Monarchie (1859-1866) fand sich die Region plötzlich statt als Zentralgebiet des Südwestteils des Kaiserreiches als Grenzgebiet wieder.
Die Schließung der südlichen Handelsgebiete brachte beachtliche Schwierigkeiten für die Bevölkerung mit sich. Besonders schwerwiegend waren die Preiserhöhungen, vor allem was das Getreide betraf, an dem es in der Region stark mangelte.
Daher besteht eine enge Verbindung zwischen dem Genossenschaftswesen und dem wirtschaftlichen Wandel.
Auch die Veränderung einiger Verkehrswege in der Talsohle, z.B. der Bau der Brennerbahnlinie (1866), isolierte die Gebiete im Gebirge, durch die vorher die Verbindungswege über die Pässe führten, und brachte einen zahlenmäßigen Rückgang der Bevölkerung mit sich; dieses Phänomen hat sich im Laufe der Jahre und bis zur heutigen Zeit noch verschärft. Damals lebten zwei Drittel der Lokalbevölkerung in den Bergen, d.h. über dreihundert Meter über dem Meeresspiegel, heute hingegen leben zwei Drittel in der Talsohle. Um dieser Krisensituation, der Auswanderung und dem sozialen Zerfall entgegenzuwirken, entstanden die ersten Formen der Zusammenschlüsse, der Solidarität und des Fourier-Systems.
Es handelte sich um Vereine zur kollektiven Selbsthilfe, die ihren Mitgliedern im Falle von Krankheiten und Unfällen mit Versicherungen und Fürsorge beistanden; die landwirtschaftlichen Vereinigungen vereinten die Landwirte mit dem Ziel, die Landwirtschaft zu fördern und zu verbessern.
1882 begann das Landesamt für Landwirtschaft mit seinen zwei Abteilungen in Trient und in Innsbruck mit der Arbeit, welche die wichtigsten Unterstützungsorganismen zur Entwicklung und zum Wiederaufbau der regionalen Landwirtschaft waren.
Von Bedeutung war auch die diesbezügliche Unterstützung der österreichischen Regierung, insbesondere durch die Gesetze des Jahres 1867 bezüglich des Vereinsrechts und des Jahres 1873 betreffs der Gründung von Wirtschaftsgemeinschaften mit beschränkter und unbeschränkter Haftung.
Auf dieser Grundlage gründete man 1899 das Südtiroler Genossenschaftswesen und 1890 das Trentiner Genossenschaftswesen.
Die ersten Genossenschaftspioniere waren sozial engagierte, ethisch motivierte und Innovationen gegenüber aufgeschlossene Männer wie Julius von Riccabona und Mgr. Greuter in Südtirol und Don Lorenzo Guetti und Emanuele Lanzerotti im Trentino.
Der Wiener Professor Gustav Market war der beauftragte Experte, der die moderne Landwirtschaftslehre bekannt machen sollte.
Gerade durch die Dozenten der "Wanderlehrstühle" verbreitete sich die Genossenschaftsidee überall in der Region.
Schon im Jahr 1900 zählte man in Tirol-Voralberg 367 Raiffeisenbanken, 63 Konsumvereine und 24 Handwerkergenossenschaften, außerdem zahlreiche Kellerei-, Sennerei- und die ersten Elektrizitätsgenossenschaften.
Dieserart wurde das Genossenschaftswesen zu einem System, das in allen Bereichen der regionalen Wirtschaft vertreten war.
Ende des Jahres 1900 gab es im Trentino 105 Casse Rurali mit 8.000 Mitgliedern und 135 Famiglie cooperative mit 20.000 Mitgliedern und einem Geschäftsumfang von 40 Millionen Kronen.

Das regionale Genossenschaftslaboratorium

In der Region Trentino-Südtirol rühmt sich die Genossenschaftsbewegung einer mehr als hundertjährigen Geschichte.
Sie ist tief in der Kultur, in den Gemeinschaften und der lokalen Wirtschaft verwurzelt.
Es gibt heute kein Dorf oder Tal in den Provinzen Trient und Bozen, wo nicht wenigstens eine Genossenschaft tätig ist.
Die Genossenschaften stellen ein sozioökonomisches System dar, das quer durch jeden Produktionsbereich oder Sektor der regionalen Gesellschaft verläuft, ein regelrechtes Genossenschaftslaboratorium.
Bei einer Bevölkerung von circa 900 Tausend Personen in Trentino-Südtirol sind zirka 300 Tausend Mitglieder einer Genossenschaft. Es handelt sich nicht immer um Einzelpersonen, da eine Person auch Mitglied mehrerer Genossenschaften sein kann, solange diese nicht in Kontrast zueinander stehen; gewiss sind es aber mehr als 200 Tausend Menschen, die in das Genossenschaftssystem einbezogen sind.
Wenn wir dann die Zahl der Genossenschaften - fast 1.500 - mit der Zahl der Gemeinden, 223 im Trentino und 116 in Südtirol vergleichen, können wir feststellen, dass durchschnittlich jede Gemeinde zumindest 4 Genossenschaften aufweist.
Das Genossenschaftswesen ist ein regelrechtes System, das sowohl im Bereich Landwirtschaft, des Bankwesens mit den Raiffeisenkassen und im Vertriebsbereich mit den Famiglie Cooperative tätig ist.
Außerdem finden wir die sozialen Genossenschaften, Arbeits- und Produktions-genossenschaften, Dienstleistungsgenossenschaften, Baugenossenschaften und Elektrizitätsgenossenschaften.


Bibliographie

AA.VV., Capire gli organismi "non profit, allegato alla rivista Il fisco, n.23 del 30 giugno 1997
AA.VV., Cooperative ed economia sociale a 150 anni da Rochdale, Bologna 1996.
AA.VV., Democrazia Cooperativa, a cura di M.COMELLINI e M. VIVIANI, Bologna 1999.
AA.VV., I Magnacucchi. Valdo Magnani e la ricerca di una sinistra autonoma e democratica, a cura di G. BOCCOLARI e L CASALI, Milano 1991.
AA.VV., Il Movimento cooperativo in Italia. Storia e problemi, a cura di G. SAPELLI, Torino 1981.
AA.VV., L'audacia insolente. La cooperazione femminile 1886-1986, Venezia 1986.
AA.VV.,Gli organismi non profit nella società italiana, allegato alla rivista Il fisco, n.47 del 27 dicembre 1995
AA:VV., L'impresa cooperativa negli anni 80. L'autogestione e i problemi della crisi economica, Bari, 1982.
BOBBIO N. : Libertà fondamentali e formazioni sociali. Introduzione storica, in Pol.Dir. 1975
E. PARNELL, Reinventare la cooperativa, Roma 1997.
F. FABBRI, Il movimento cooperativo nella storia d'Italia 1854-1975, Milano 1979.
J. EARLE, Un ritratto della Lega: Viaggio nel movimento cooperativo italiano, Roma 1987.
M. DEGL'INNOCENTI, Storia della cooperazione in Italia. La Lega nazionale delle cooperative 1886-1925, Roma 1977
R. ZANGHERI, G. GALASSO, V. CASTRONOVO, Storia del movimento cooperativo in Italia 1886-1986, Torino 1987.
V. BELLOCCHI, Il pensiero cooperativo dalla Bibbia alla fine dell'Ottocento, 3 vol., Reggio Emilia 1986.
V. GALETTI, La cooperazione in Italia. 90 anni di storia, Roma 1976.
Da consumatori a produttori : vita e opere dell'ing. E. Lanzerotti fondatore del SAIT / a cura di Luciano Imperadori. - Trento : Sindacato agricolo industriale, 1979. - 112 p.
Le stagioni della solidarietà : cronache di don Lorenzo Guetti, tratte dal Bollettino di Trento del Consiglio provinciale d'agricoltura dal 1885 al 1893 / letture e note per l'utilizzazione didattica di Mauro Neri ; note a schede di documentazione di Luciano Imperadori
Don Lorenzo Guetti : l'etica della solidarietà : scritti scelti del fondatore della cooperazione trentina / [a cura di] Luciano Imperadori
Lorenzo Guetti : un uomo per il Trentino / a cura di Andrea Leonardi - Trento : TEMI, 1998, p. 103-133.
Per una storia della cooperazione trentina / [di] Andrea Leonardi ; a cura della Federazione dei consorzi cooperativi di Trento e dell'Archivio per la storia del movimento sociale cattolico in Italia. - Milano : Angeli, 1982-1985.
Lorenzo Guetti : la vita e l'opera nella realtà trentina del secondo Ottocento / Enrico Agostini. - Padova : Editoriale Programma, 1984. - 222 p.
La cooperazione del Trentino : dalle origini al Partito popolare di A. Degasperi / Fabio Giacomoni. - Trento : Panorama, 1980. - 286 p
Le radici della cooperazione di consumo trentina : 100 personaggi per 100 anni Sait / Fabio Giacomoni, Renzo Tommasi. - Trento : SAIT, 1999. - 337 p.:
100 Jahre Raiffeisenkassen in Südtirol / Konrad Palla ; Kapitel I: Geschichtlicher Abriß der letzten 100 Jahre, von Dr. Ludwig Walther Regele. - Bozen : Raiffeisenverband Südtirol, 1989. - 165 p.
Le casse sociali di credito / F. W. Raiffeisen. - Roma : ECRA, 1975. - XII, 247 p.